Brief an den Vater

 Meine Lieben, ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Brief veröffentlichen sollte. Es ist ein Brief, den ich vor eine Woche geschrieben habe, nachdem in mir ein Denkprozess angestoßen worden ist. Es kommt Gewalt darin vor, daher erneut eine Triggerwarnung. Es ist ein Brief an meinen leiblichen Vater, in dem ich meine schlechte Beziehung zu ihm verarbeite, also erneut ein sehr hartes Thema. Aber ich hoffe, durch das Öffentlichmachen für mich endgültig einen Schlussstrich ziehen zu können.

Hallo,

du wirst diesen Brief nie lesen, und selbst wenn, könnte ich mir deine Reaktionen darauf lebhaft vorstellen. Du wärest irritiert, wütend und würdest mit den Emotionen, die er in dir auslöst, nicht klar kommen. So, wie du noch nie mit deinen Emotionen umgehen konntest.

Warum schreibe ich diesen Brief also? Für mich. Ganz alleine für mich. Ich möchte den Dämon, der in deiner Gestalt immer wiederkehrt, abschütteln. Ich möchte frei sein von der Last, die mir aufgeladen wurde, als ich als dein Sohn geboren wurde. Und ich möchte das hartnäckige Gefühl der Rache, das sich in all den Jahren aufgestaut hat, los werden.

Ich habe letztens einen sehr interessanten Artikel über schwierige Vater-Sohn-Beziehungen gelesen, und ganz am Ende schreibt der Autor, dass man hoffentlich, nach einer Auseinandersetzung von Mann zu Mann, als Sohn wieder Respekt vor seinem Vater findet, denn ohne ihn wäre man ja nicht hier. Das stimmt. Doch die Dinge, die du mir und Mama angetan hast, wiegen schwer.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Abend, als du beim Kartenspielen im Verein verloren hast, betrunken nach Hause kamst und uns beide geschlagen hast. Rumgebrüllt hast du, dass die anderen dich ja beschissen hätten und mit gezinkten Karten gespielt. Und du hast ein Ventil für diese Wut gesucht und hast es bei uns gefunden, weil du anders nicht wusstest, damit umzugehen. Du konntest keine Verantwortung für deine Handlungen übernehmen.

Oder ein anderer Abend, als du nach einem langen, harten Arbeitstag nach Hause kamst und Mama angeschrien und geschlagen hast. Ich war noch sehr klein, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, aber ich habe das Bild noch genau vor Augen – ich habe es gesehen, wie du ausgeholt hast, habe geschrien, du sollst das lassen und dann die Tür zu meinem Zimmer zugeschlagen, um mich zu verkriechen. Ich habe es nicht verstanden, warum du das tatest. Dann hast du die Zimmertür aufgerissen und mich angeschrien. Du warst sehr wütend. „Ich habe heute vierzehn Stunden gearbeitet für nichts und wieder nichts.“ Das waren deine Worte.

Und jetzt, wo ich das schreibe, keimt ein seltsames Gefühl in mir auf – Verständnis. Nicht für die physische Gewalt (die verabscheue ich), aber für die Wut. Wenn man hart arbeitet und am Ende nichts dabei herum kommt, ist das frustrierend. Aber warum hast du es an uns ausgelassen und nicht an denen, die dafür verantwortlich sind? Bist du jemand gewesen, der nach oben gebuckelt und nach unten getreten hat? Ich glaube schon.

Und wahrscheinlich liegt es an deiner eigenen Kindheit. Ich weiß nicht, wie dein Bruder so als Vater ist, aber SEINE Kinder stehen zumindest alle fest im Leben im Gegensatz zu mir. Okay, er hat mehrere Kinder, darunter auch Töchter, aber dennoch. Oder hattest du dir insgeheim eine Tochter gewünscht und warst enttäuscht, dass ich ein Junge geworden bin?

Gleichwie – physische Gewalt ist nicht zu rechtfertigen und nicht zu entschuldigen. Nicht, wenn sie sich gegen jene richtet, für die man arbeiten geht, die man doch versorgen möchte. Und vor allem: man beklaut sein Kind nicht.

Ich glaube, ich muss dir diese Geschichte eigentlich nicht erzählen, ich stand ja daneben und habe gesehen, wie dir alles aus dem Gesicht fiel. Aber der Vollständigkeit halber: Als Mama das Sparbuch in einem alten Hut gefunden hat, das Sparbuch, welches sie und Oma (DEINE Mutter) für mich angelegt haben und festgestellt hat, dass es leergeräumt war, da ist endgültig etwas in mir zerbrochen. Da ist die Ablehnung, die ich dir gegenüber schon immer empfunden habe, in Hass umgeschlagen. Ich hätte dieses Geld als Startkapital ins Leben gut gebrauchen können.
Und ich hätte andere Dinge auch sehr gut gebrauchen können: Zuneigung. Liebe. Die Worte „Ich bin stolz auf dich, Junge.“ Oder zumindest etwas Artverwandtes. Du hättest mich einfach mal schnappen können und mit mir zum Fußball gehen. Ich erinnere mich gerade an etwas, da hast du mich ins Auto gesetzt und wir sind zu einem Fest gefahren. Wie alt war ich, 9, 10? Ich weiß es nicht mehr, aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich schon da eine Ablehnung gespürt habe. Du hast es versucht, mit mir zu „bonden“, aber es gelang dir nicht. Warst du da vielleicht auch enttäuscht? Möglich. Aber wie hätte ich denn noch eine Bindung zu dir aufbauen sollen, nachdem du uns, solange ich denken kann, schon tyrannisiert hast?

Ich glaube, deine Kindheit war hart. Ich habe meine Großeltern von deiner Seite nie als sonderlich liebevoll erlebt, und tue das bei Oma bis heute nicht. Sie wirkt oftmals kalt und abweisend, wenn man mit ihr spricht. Und über Emotionen sprechen geht schon gar nicht. Du hast das vermutlich nicht gelernt, richtig? Aber dein Bruder schon, ist zumindest mein Eindruck. Ich weiß nicht mehr, wer von euch beiden der Ältere ist, aber ich glaube, du. Und der Erstgeborene ist ja meistens der Gelackmeierte, wenn der kleine Bruder auf die Welt kommt.

Ist es das? Ich glaube, ich komme der Wahrheit damit sehr nahe, und ich weiß ganz genau, dass du, wenn ich es dir ins Angesicht sagte, wütend würdest, defensiv und alles abblocken würdest. Weil es an Dingen rührt, die du vergessen willst vielleicht? Ich gehe davon aus, dass du geschlagen worden bist. Und nie über Gefühle gesprochen wurde. Und du hast das einfach weiter getragen. Du wolltest dich auch nicht ändern.

Erinnerst du dich, als Mama dich zu meiner Kinder-Therapeutin mitgenommen hat, weil diese ein Elterngespräch mit euch fühlen wollte? Mama sagte mir hinterher, dass du es nicht lange ausgehalten hast und nach wenigen Minuten den Raum verlassen hast. Ich glaube, ich beginne zu verstehen. Du hast selbst nie Liebe erfahren und warst daher nicht in der Lage, sie zu geben.

Ein weiterer Dolchstoß in unser Verhältnis kam letztes Jahr, nachdem Mama gestorben ist und du zu einer Freundin von ihr in den Laden gingst. Als sie dich darauf ansprach, waren deine Worte, so sagte sie es mir zumindest, dass dich das alles nicht interessiere und dich auch nicht interessiere, wie es mir geht. Wahrscheinlich tut es das in deinem Inneren doch, aber das zuzugeben, muss dich schmerzen.

Doch du hast mir auch Schmerzen zugefügt. Seelische vor allem. Schmerzen, die mich bis heute belasten, und die ich mit diesem Brief loswerden möchte. Ich habe all die Jahre so viel Hass und Wut konserviert. Diese Wut hat sich immer in anderen, völlig unpassenden Situationen kanalisiert. Und ich merke noch etwas: Ich habe stets nach Anerkennung gesucht, gerade in Beziehungen. Und weil mein Selbstwertgefühl im Keller ist, weil ich die Anerkennung von DIR nie bekommen habe, sind Beziehungen zerbrochen. Weil ich beim kleinsten Anzeichen von Streit sofort in eine Defensivhaltung gegangen bin. Ich wollte nie streiten. Ich wollte nie laut werden, weil ich traumatisiert bin von den Erfahrungen, die ich mit dir gemacht habe.

Jede Kritik, die ich abbekomme, jede Niederlage, und sei es nur eine in einem Computerspiel, nehme ich persönlich. Ich rebelliere gegen Regeln, in kleinen und größeren Dingen des Alltags, frei nach dem Motto: „Das wollen wir doch mal sehen.“ Und ich habe ein Autoritätsproblem. Gerade, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand inkompetent ist.

Und gerade, wenn ich Kritik persönlich nehme, fühle ich mich jedes Mal schlecht dabei. Weil jedes Mal eine Gedankenspirale ins Kreisen kommt, die ihren Ursprung darin hat, wie du mit mir umgegangen bist. Dass ich nicht gut genug sei. Dass ich nichts kann. Dass du Recht hattest.

Gerade in diesem Moment strömen Tausende von Szenarien auf mich ein, in denen ich mich über meine dämlichen Chefs aufgeregt habe, ohne ihnen das ins Gesicht zu sagen. In denen ich mich über jede Kleinigkeit aufgeregt habe, in denen ich über die lächerlichsten Dinge wütend geworden bin. Und ich glaube, die Ursache dafür liegt in deinem Umgang mit mir. Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber ich bin mir sicher, dass es die Wahrheit ist. Ich meine, hast du dich nie gefragt, warum ich dir gegenüber immer gefremdelt habe? Dich nie mit „Papa“ ansprach, sondern immer nur mit „Du“? Oder später vielleicht mal mit deinem Namen?

Ich werde die Dinge mit mir herumtragen, ein Leben lang, ob ich will oder nicht. Aber es liegt an mir, ganz allein an mir, wie ich damit umgehen werde. Ich habe schon geschrieben, dass ich in einem gewissen Maß Verständnis für deine Wut entwickelt habe. Und hast du das Geld gestohlen, weil du keinen anderen Ausweg gesehen hast?

Aber warum hast du dann nicht mal das Maul aufgemacht? Mama war eine so clevere Person, wenn ihr zusammengearbeitet hättet, wäre bestimmt eine Lösung aufgetaucht. Oder hast du das Geld versoffen? Ich weiß es nicht. Ich werde wahrscheinlich auch nie eine Antwort erfahren.

Was bleibt am Schluss? Ich sitze hier und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Ich fühle mich, nachdem ich jetzt so viel geschrieben habe, plötzlich deutlich leichter. Ich wünschte mir, du hättest anders gehandelt, und hättest mir die Zuneigung und Liebe entgegen gebracht, die ein Vater seinem Sohn eben entgegen bringen sollte. Aber die Vergangenheit kann man nicht ändern.

Ich kann nur meine eigene Zukunft gestalten. Ohne dich. Und ohne den Dämon in deiner Gestalt. Ich lasse den Hass los. Und die Verachtung. Zurück bleibt ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Du wirst keine Rolle mehr in meinem Leben spielen. Das ist es, was ich möchte. Es gibt kein Verzeihen, kein Vergessen. Aber ich werde loslassen. Weil es um MICH geht. Und nicht um dich.

Ich glaube nicht, dass ich jemals in der Lage sein werde, Respekt für dich zu empfinden. Du hast mich tief und nachhaltig verletzt. Aber ich werde mich jetzt darauf konzentrieren, diese Wunden endgültig und ebenso nachhaltig zu verschließen. Weil ich nicht möchte, dass du auch jetzt noch, Jahre nach unserem letzten Kontakt, Macht über mich hast. Denn die hast du nicht. Es ist MEIN Leben. Und ich werde den Rest davon nach meinen Wünschen gestalten.

Und einer dieser Wünsche ist, dass du in einigen Jahren, wenn du selbst auf dem Sterbebett liegst, vielleicht deine Fehler erkennst und deine Taten bereust. DAS wäre etwas, das mich tatsächlich dazu bringen könnte, dir ein Stück Respekt entgegen zu bringen.

Gruß,
dein Sohn

Ein Gedanke zu „Brief an den Vater

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